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Auf der Suche nach dem Text

Gelesen am Sonntagnachmittag beim Poet's Day in Kassel

23. November

Mail mit Einladung. Aber klar lese ich. Einen neuen Text. Das ist hiermit beschlossene Sache.

Zusage! Zusage! Keine 15 Minuten später: Zusage!

Fast zwei Monate kein Eintrag !!

Was wirklich gut gelaufen ist: Weihnachten und zwei Wochen Ferien. Nicht einmal an den Text gedacht. Alles wird gut.

17. Januar

Mail mit dem Ablauf der Lesenden. Ich bin um 16.15 dran. Und wahrscheinlich um 16.16 fertig. Denn: Es gibt keinen Text.

Was natürlich nichts Besonderes ist. Warum sollte es einen Text geben?

Um ihn vorzulesen vielleicht?

Gut, aber dafür ist doch noch Zeit. Außerdem: Reichlich Vorräte aus dem Kellern der vergessenen Texte. Der verworfenen Texte. Verschollene Texte. Satzfragmente. Worte. Buchstaben. Serifen.

Ansätze der Serifen eines Buchstabens eines Wortes eines Satzfragmentes eines Textes eines Kapitels eines Romans der großen, weiten Welt des Universums. Lighyears away from Inspiration.

Konzentrier' dich. Schreib' was auf. Jetzt.

18. Januar

Bald gibt es einen Text. Nämlich: Inspiration. Was mit Paris. Die Anschläge. Und so. Drei Geschichten. Eine im Bonne Bière, die zweite im Bataclan, die dritte vor dem Stade de France.

Das will das Publikum: Aktuelles Ereignis, vom Autor in eine neue Perspektive gerückt. Respekt, alter Freund, Respekt.

Jetzt Recherche.

19. Januar

Recherche ist nichts geworden. Alles ist wirklich grauenvoll. Es gibt etliche Handyvideos. Erst dachte ich: Aus der Ich-Perspektive der Selbstmordattentäter. Geschichte endet mit einem leisen »klick«.

Auch das schon grauenvoll. Ständig höre ich jetzt dieses »klick«.

20. Januar

Wie zur Bestätigung lese ich über die »Sprengstoffgürtelrose«. Das kann nicht gutgehen. Motivation vollkommen verloren.

Schreiben ist wirklich sinnlos. Jeder, der schreibt, sollte das endlich einsehen.

21. Januar

Per Mail schon die Freunde eingeladen mit dem Versprechen: Neuer Text!

22. Januar

Die ersten Absagen treffen ein. Ja, mehr, mehr.

23. Januar

Keine Absagen mehr. Sondern: Zusagen. Von wirklich wichtigen Menschen in meinen Leben.

Tja, nur werdet ihr eine Seite von mir kennenlernen, von der ihr gedacht habt, dass ich sie nicht habe. Aber doch habe. Kommt ruhig alle. Ihr wollt mich doch scheitern sehen. Um euch besser zu fühlen.

24. Januar

Ein Infekt! Hurra. So kann man nicht lesen. Niemals.

Ich leg' mich ins Bett.

25. Januar

Wirklich Fieber. Alpträume.

Nichts zur Textverwertung dabei. Denn: Gleich alles vergessen.

26. Januar

Infekt abgeklungen. Verdammt.

Später am Nachmittag: Ja! Jetzt aber die Knaller-Idee: eine Performance machen! Nicht so textlastig!

Nachteil: Jeder merkt wahrscheinlich, dass Text fehlt. Heißt ja Poets Day. Nicht Performance Day.

Jetzt kommt auch noch das Bild vom armen Poeten in der Dachkammer. Also doch eine Performance mit Schirm und Federbett? Das Lieblingsbild der Deutschen (Zeit-Online 2012). Hey, das bringt Sympathiepunkte.

Später am Abend: Keinen Schirm von annährend richtiger Größe im Haus gefunden. Performance verworfen.

27. Januar

Tilman Rammstedt nutzt in seinem Online-Buch Morgen mehr einen Cliffhanger und sagt nicht, was im Koffer ist. Zwei Tage später: Er sagt es immer noch nicht und benutzt einen Platzhalter, wortwörtlich: einen PLATZHALTER.

Mistkerl, verdammter. Aber die Leser nehmen es ihm ab, kommentieren wohlwollend.

Beschluss: Ich nutze ebenfalls einen Platzhalter und schicke Elke.

28. Januar

Elke ist unabkömmlich. Hat wohl den Braten gerochen. Platzhalter will doch auch keiner sein. Allein schon die Fragen: Für was stehen Sie hier? Warum Sie sind hier? Wo ist das viele Geld aus dem Koffer? Undsoweiterundsoweiter.

Text, ich brauche Text. Wenn es einen Gott gibt.

Am Abend: Neue Inspiration durch die motivierenden Worte Robert de Niros in meinem Kopf: »Sie Doktor, Sie sind wirklich gut.« Na gut, nicht direkt an mich gerichtet. Aber ich FÜHLE mich wahrhaft angesprochen: Gedanken, Ideen, Sätze durchfluten mich. Plötzlich zeigt sich die ganze Geschichte, die Figuren, die Dialoge. Ahhh, Geschichtenzeit. Wie dieser Hund in der Sonne in der Diawerbung. Ahhh. Es kribbelt in den Fingern. Jetzt geht's los, jetzt geht's los.

Sekunden später ist natürlich alles weg, weil ich nicht gleich Papier gefunden habe. Seit Jahren habe ich in all meinen Jacken diese kleinen Rossmann-Blöcke, auf die ich nichts schreibe. Gestern habe ich sie alle weggeworfen. Die sahen aber auch aus.

Nichts bleibt. Alles vergeht. Alles fließt.

Alles fließt weg. Aus meinem Kopf. Irgendwohin. Unwiederbringlich.

29. Januar

Ahnatal-Weimar: Da war so ein Café, in dem ich 2012 eine Schreibidee hatte. Meine letzte Schreibidee. Schießt mir als Bild gerade in den Kopf. DAS ist ein Zeichen.

Fahre hin. Café ist im Winter geschlossen. Ach ja, die Idee hatte ich auf der Terrasse im Sommer. Ahhh.

Diktiere eine Idee ins Handy. Google meldet: »Kein Empfang«.

Idee ist verloren.

30. Januar

Alles wird gut. Bis jetzt ist mir immer was eingefallen.

Begegnung auf der Straße:
»Hallo Andi«.
»Hm«
»Ich freue mich schon echt auf deine Lesung.«
»Hm«
»Weißt du schon, um was es gehen wird?«
»Hm, so was mit Paris. Attentate. Und so.«
»Boh, ist ja interessant. Mensch, dann bis morgen.«

Paris? Attentate? Und so? Sagt mal, spinnst du? Eine vor zwei Wochen verworfene Idee hier noch mal runterzuleiern?

In meinem Kopf beginnt wieder das Grauen: »Klick«.

31. Januar

Nichts fällt mir ein. Scheitern unvermeidlich. Jetzt einfach absagen? Du bist ein jämmerlicher Haufen Scheiße.

Pack deine Sache und beuge dich. Um 16.15 Uhr. Nach Plan.

Auf dem Weg merke ich, was Demut bedeutet. Der Gang nach Canossa! Das noch schnell auf dem Smartphone googeln, vielleicht DIE Inspiration. König Heinrich der IV. Papst Gregor der VII. Wahnsinn: Nie war ich weniger inspiriert.

Autorencafé gerät in mein Blickfeld. Über dem Eingangsportal die neue Schrift: »Canossa«. An die Säulen gelehnt: Links Heinrich der IV, rechts Papst Gregor der VII. Sie nicken mir aufmunternd zu. Liebevoll. Nachsichtig.

Ich nehme vorne Platz.

Wo sind eigentlich die Minions, wenn man sie braucht?

»Oh, willst du nicht das Leben in diese toten Lungen atmen, die ich unter meinem Mantel trage? Das Leben bewahren gegen die kalten Nächte, wenn unsere Körper alt werden.

Oh, won't you breathe life into these dead lungs I keep under my coat. And keep life warm against the cold night as our bodies grow old.

Oh, won't you breathe life into these dead lungs I keep under my coat. And keep life warm against the cold night as our bodies grow old.

Take my silence as a warning.«

Wieder nicht von mir. Von Jack Garratt.

1. Februar

Es ist gut gegangen. Keiner hat was gemerkt. Ich hatte ja keinen Text.

Sogar einige Lacher.

Die Dame mit den gekräuselten Haaren in der letzten Reihe scheint sich zu amüsieren.

Der Mann vorletzte Reihe: Erst skeptisch, zunehmen wollwollend.

Der Journalist in der ersten Reihe eher gelangweilt.

Das nächste Mal vielleicht:

Möven filtern das Salzwasser und scheiden das überschüssige Salz durch zwei Drüsen über den Augen »weinend« wieder aus. Eine Frau bringt sich das Mövenweinen selbst bei.

Bei der Bohrung des neuen Gotthard-Tunnels wird ein geheimes Gängesystem gefunden. Einer der Gänge zeigt die Welt exakt zehn Sekunden in der Zukunft.

Ein Mann Ende Vierzig: Er will noch mal los. Er hat die Zugunruhe. Wie bei den Zugvögel-Nachtziehern, sie müssen die ganze Nacht weiter, bis zur Erschöpfung.

Ein lustiges Buch über Alzheimer.

Eine Tochter wächst bei ihren Adoptiveltern auf. Die schreiben der richtigen Mutter immer Briefe über die Fortschritte ihrer Tochter. Dann stirbt die richtige Mutter, die Tochter fliegt zur Beerdigung, findet die Briefe. Die Briefe sind allesamt gelogen.

Der Therapeut reist in der Zeit und korrigiert die Vorgeschichte seiner Patienten. Korrigiert schließlich sein eigenes Leben. Und bleibt länger als geplant in seiner Vergangenheit.

 Na ja, so etwa.

 

31.01.2016