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Augenblick der Krise

Der Segeberger Kreis - Gesellschaft für Kreatives Schreiben e. V. hat sich in der letzten Woche zu seiner Jahrestagung getroffen - diesmal unter dem Thema »Augenblick der Krise«.

In der Ankündigung hieß es: »Das Schreiben selbst kann in die Krise geraten. Dann gibt es keine Sprache. Weil es sich bei Literatur um ein Medium der Konstruktion von Erinnerungen und Identitäten handelt, ist mit der Auslöschung der Erinnerung und Vergegenwärtigung die Sprachlosigkeit verbunden und zugleich die eigene Kenntlichkeit. Schreibkrisen sind oft genug keine einfachen Blockaden, sondern Erinnerungskrisen. Schreiben im Augenblick der Krise eröffnet neue
Zugänge zur Identität. Das Schreiben literarischer Texte ist zugleich aber mehr, als nur Identitäten auf den Markt zu bringen. Literarische Krisen entstehen auch dort, wo nur noch poetische Marker erzeugt werden, aber keine Literatur. Auch dieser immer krisenhafte Prozess literarischen Schreibens zwischen Identität, Erinnerung und poetischem Text kann auf der Jahrestagung untersucht werden.«

In acht Schreibgruppen wurde in Laufe von drei Tagen geschrieben, geschrieben, geschrieben. Zum Beispiel in der Übung »Ich bin meine Krise«. Es entstand dieser Text:

»Hallo erstmal. Ich bin die Krise und will mich hier mal vorstellen. Ich bin am liebsten erstmal unsichtbar. Schleiche mich an. Und dann: bäng, voll reingrätschen. Er glaubt noch »Alles ist gut«, ha und dann: voll die Selbstzweifel. Die hau ich ihm rein, neurologisch hau ich ihm die rein. Da kann er sich nicht wehren. Ich hab‘ ihn am Harken.

Bis gestern. Da hab’ ich voll die Krise gekriegt. Müsst ihr euch mal vorstellen. Die Krise kriegt die Krise. Er hat sich an sein beschissenes Notebook gesetzt und über mich geschrieben! Geht gar nicht. Dazu hat er nicht das Recht. Ich will selbst bestimmen, wann über mich geschrieben wird!

ICH BIN EIN SELBSTSTÄNDIGES WESEN!

Hallo. ICH BIN DIE KRISE!

Als nächsten hat er den ganzen Mist über mich noch gebloggt. Und dann haben sich alle über mich lustig gemacht. Geht gar nicht. Ich such‘ mir einen anderen. Einen, der mich ernst nimmt. Mach‘ gut, du Blödmann.«

http://www.segeberger-kreis.de

 

11.03.2015