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Das Ich ist aus mir hinaus ausgewandert

»Das Leben zerstört die innere Stimme. Der Maßstab, dem ich mich früher nur öffnen mußte, um zu erfahren, was ich muß, soll, kann und darf und was nicht, ist verschwunden, es gibt da kein Ich mehr. In der Literatur, wo das Ich der Schrift alles ist, sind die Folgen katastrophal. Eine für Produktion desaströse Unsicherheit resultiert. Nie war ich mir beim Schreiben so unsicher wie heute, täglich bin ich damit konfrontiert, heute, seit fünfzehn Jahren. Das Ich ist aus mir hinaus ausgewandert und in die Welt hinein, dort steht es mir fremd gegenüber, zum Verwechseln ähnlich den anderen da draußen, und kein noch so aufmerksames, dem Weltich zugewendetes Fragen und Hören ergibt eine Antwort, die man unterscheiden könnte vom Text der anderen, die einem da gegenüberstehen. Das Schreiben altert nicht gut. Man erfährt es an sich selbst, sieht es an vielen Beispielen anderer. Man sieht Lähmung und Selbstplagiat, ranzig hochfahrendes Herrenmenschentum, forcierte Experimentalität und enthemmte Geschwätzigkeit, und geht selbst durch alle diese Stationen des Falschen.«

Der Schriftsteller Rainald Goetz in seiner Dankesrede für den Büchner-Preis am 31. Oktober 2015.

Laudatio von Jürgen Kaube

Die Heiligkeit der Schrift - Deutschlandradio Kultur über Rainald Goetz

 

02.11.2015