blog.jpg

Die Wörter suchen irgendeine Nähe zueinander

Hanns-Josef Ortheil erzählt von seinen Schreibanfängen und ermutigt uns zum genauen Beobachten - und zum Schreiben.

»Kaum hatte ich mich gesetzt, werden die Erinnerungen mächtiger. Und dann ist es wieder so weit: Ich verwandele mich, und mit den ersten Buchstaben, die ich mit der Hand notiere, strömt etwas von der Ausdauer, der Geduld und dem Fleiß in mich zurück, die ich mir als Kind angeeignet habe. Das Schreiben erscheint mir plötzlich nicht mehr als eine Qual oder eine Überforderung, es ist vielmehr für mich die einzige Art und Weise, endlich in einen intensiveren Kontakt mit der Welt zu treten und sie zu verstehen.« (S. 16/17)

»Etwas sehr Seltsames passiert, kein Mensch außer mir weiß davon. Mein Kopf beginnt, eine kleine Geschichte nach der anderen zu denken und auch zu schreiben. Das ist so etwas wie eine Revolution, aber eine im Stillen und damit eine verborgene.« (S. 74)

»Mit den Tagen begreife ich zwar ein bisschen besser und genauer, was mit den Geschichten los ist. Sie sind so etwas wie kleine Freiheitssprünge. In ihnen lasse ich die Wörter allein etwas tun, ohne Ziel, Zweck und Aufgabe. Die Wörter suchen irgendeine Nähe zueinander, gesellen sich zusammen, trennen sich wieder, tanzen ein wenig - und lösen sich in Luft auf.« (S. 78)

»Heute weiß ist, dass ich bereits damals etwas von der beginnenden Dominanz des Schreibens gegenüber anderen Lebensformen spürte. Ich spürte es dadurch, dass ich zum Schreiben kaum noch Distanz hatte. Nach meinem frühen, morgendlichen Aufstehen dachte ich nicht: 'Ach, verdammt, jetzt muss ich schreiben. Und was werde ich schreiben? Und wird es auch gelingen? Und ist es nicht mühsam?' Ich zog vielmehr den Bademantel über und ging in meine Werkstatt.« (S. 134/135)

Hanns-Josef Ortheil: Der Stift und das Papier, 2016

 

07.03.2016