blog.jpg

Und man entdeckt, dass nur Schreiben einen retten kann

Gestern Nacht auf arte (und in der arte+7-Mediathek): Marguerite Duras spricht mit dem französischen Regisseur Benoît Jacquot über das Schreiben.

Ich habe einige Passagen mitgeschrieben:

»Bei mir war es so: Ich habe kein Buch angefangen, ohne es zu beenden. Ich habe auch nie ein Buch geschrieben, dass mir keine Daseinsberechtigung gegeben hätte, während es entstand.«

»Aber diese Leidenschaft, wie ich es so sagen darf, die habe ich hier entdeckt. Was sollte ich mit der Einsamkeit in diesem Haus anfangen? Was tun? Fast scherzhaft dachte ich: vielleicht schreiben? Ich hatte vorher schon Bücher geschrieben. Aber oft irgendwann abgestoßen.«

»Man befindet sich in einem Loch. Ganz unten. In beinahe totaler Einsamkeit. Und man entdeckt, dass nur Schreiben einen retten kann. Ohne ein Thema zu haben. Oder an einem möglichen Platz zu denken, um daraus ein Buch zu machen. Einfach das Schreiben an sich, trocken, nackt, ohne alles. Das ist furchtbar. Furchtbar schwer zu bewältigen.«

»Du musst wissen: Es gibt im Leben einen Moment, die man nicht entfliehen kann, und indem man alles in Frage stellt. Die Ehepartner, die Freunde, die man hat. Vor allen die gemeinsamen Freunde. Nicht die Kinder, da hat man nie Zweifel. Diese Zweifel werden immer größer. Und in diesem Zweifeln steckt die Einsamkeit. Im Zweifel wohnt die Einsamkeit. Man kann das ruhig aussprechen. Das sage ich so. Aber ich glaube, dass viele Leute, viele würden das gar nicht aushalten. Viele würden fliehen.«

»Ohne Zweifel keine Einsamkeit, ohne Einsamkeit kein Schreiben. Keiner kann zweistimmig schreiben. In der Musik geht das vielleicht. Beim Schreiben nicht. Na ja, ich habe von Anfang an schwierige Bücher geschrieben. Das hat vielleicht damit zu tun. Aber ich glaube es nicht. Das ist ein Detail. Manche Bücher sind eben schwierig. Schwierig zu steuern. Ja, das gibt es.«

»Verloren zu sein ist praktisch. Da trinkt man. Wenn man verloren ist und nichts zu verlieren hat. Ja. Aber ein Buch ist da und schreit nach Fertigstellung. Man ist gezwungen, parat zu stehen. Man kann ein Buch nicht aufgeben. Das ist ein Verbrechen. Ein inneres Verbrechen. Unerträglich. Ich glaube den Leuten nicht, die sagen: 'Ich habe mein Buch zerrissen.' Das glaube ich nicht.«

»Aber diese Einsamkeit ist äußerst aufwühlend. Das ganze Haus rief nach Schreiben. In mir. Alles rief. Alles hatte eine Bedeutung.«

»Aber durch das Schreiben verwildert man. Man erreicht eine gewisse Wildheit. Antik. Die Wildheit der Wälder. Und der Angst. Man ist besessen. Man braucht Kraft, um zu schreiben. Glaube ich. Man muss stärker als das sein. Um zu schreiben, muss man stärker als das Geschriebene sein. Seltsam.«

»Und deswegen konnte ich mit niemanden reden. Die geringste Einmischung in meinem Buch hätte alles zerstört. Das ist das Tolle am Schreiben: Man hat diese Illusion. Die auch wahr ist. Dass man alles ganz alleine schreibt. Diese banale Tatsache ist wichtig. Da ist etwas Zwiespältiges, ein Widerspruch. Schreiben heißt, nichts zu sagen. Man schreibt. Ein Schriftsteller ist stumm. Unmöglich, mit jemanden über das Buch zu reden, das gerade im Entstehen begriffen ist.«

»Die Einsamkeit hält den Kopf beschäftigt. Nicht deine Vernunft oder deine Intelligenz, sondern deine Gedanken. Die alltäglichen Gedanken. Auch das bewirkt ein Buch. Es rettet einen tagtäglich vor dem Tod. Auch das ist der Prozess des Schreibens. Nicht die Einsamkeit. Ich rede von Einsamkeit, weil ich war nicht allein.«

»Es kann auch zu Schreibschlachten kommen. Mit Wortgeschossen. Das ist äußerst aufregend. Und führt zu wunderbaren Fehlern.«

»Schreiben ist, einer Fliege beim Sterben zuzusehen. Das alles ist Schreiben. Die Fliege ist Schreiben, die Mauer, das Licht dort. Herrlich, auf dem Sofa. Das müsste auf einer Seite vorkommen. Es ist im Schreiben drin. In dem Moment, in dem es hinein muss, ist es da.«

Link zur Sendung auf arte+7

 

14.06.2016