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Von den Illusionen einer unbeschwerten Kindheit

Albrecht Mahr hat endlich ein Buch über seine Aufstellungsarbeit geschrieben - und erwähnt sie doch nur am Rande. Der Titel Von den Illusionen einer unbeschwerten Kindheit und dem Glück, Erwachsen zu sein sagt eigentlich schon alles, das Buch könnte auch erst einmal zuhause liegen und vom Umschlag her wirken.

Wer Mahr aus der Aufstellungsarbeit kennt, kennt auch seine Bemerkungen während und nach einer Aufstellung. Sie kommen fast beiläufig daher, der Aufstellende, die Stellvertreter und die "Zeugen" drumherum können so immer entscheiden: Da nehme ich was mit oder eben nicht, da berührt mich etwas, vielleicht auch erst viele Stunden oder Tage (oder Jahre) später.

Sein Buch macht es genauso: Jedes der 11 Kapitel kann für sich gelesen werden, kleine Texte zeigen lose Verbindungen, die Reihenfolge des Lesens ist nicht zwingen. Albrecht Mahr spannt als Weltenbürger (seit 1967 ist er ein Citoyen du Monde nebst eigenem Ausweis) die großen Themen der Zeit auf: Identität, Tod, Körper, Sucht, Krieg. Und leistet damit einen Beitrag auf der unmittelbaren Ebene des individuellen Verstehens und Handelns. Denn als Leser habe ich mit dem Buch selbst Ideen, kann Erkenntnisse über mich gewinnen - und diese Erkenntnisse in konkretes Verhalten und Haltung überführen. So funktionieren auch seine Aufstellungen, Mahr bietet etwas an in seinen Interventionen und lässt mir selbst als Betroffener (und Betrachter) die Wahl, genau hin zu sehen und Konsequenzen zu ziehen. Oder, wie er gerne sagt, "einen nächsten Schritt zu machen".

"Herzstück" seines Buches ist - das Herz. Besser gesagt, das kommunikative, das intelligente, das spirituelle und das wissenschaftliche Herz, Mittelpunkt aller menschlichen Aktivitäten. Berührend, herzberührend sind seine Ausführungen über Herztransplantationen und die Erkenntnisse der Empfänger. Die "seelischen Konsequenzen" und die "Transplantation von Erfahrungen" von Spender auf Empfänger sollten in die ärztliche Begleitung jedes Herzempfängers einfliessen. Ich stelle mir gerade einen Roman vor, in dem die Hauptfigur über das neue Herz Kontakt zum Spender aufnimmt und mit fremden Erfahrungen im eigenen Körper konfrontiert wird.

Es ist schön, dieses Buch zu lesen, Albrecht Mahrs Aufstellungserfahrungen nachzulesen und die eigenen Gedanken fließen zu lassen: Oft saß ich in eigenen und fremden Aufstellungen, unfähig, etwas zu notieren, so tiefgehend waren die Erfahrungen. Jetzt zeigen sie sich wieder, denn alle Gedanken sind ja da und warten nur darauf, wieder gedacht zu werden.

Buch

Aufstellungsarbeit von Albrecht Mahr

 

 

 

 

11.04.2016