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Warten und lauschen, nur blinzeln und lauschen in den Quellgrund des Romans

»Und ja, es gab Pläne! Zeichnungen zum Aufbau des Textes, Handlungsabläufe, Inhaltsangaben zu einzelnen Kapiteln und vor allem: Es gab einen Zeitplan. Für diesen Arbeitsplan verwendete ich die Grafik eines Zeitstrahls, an dem ich jederzeit ablesen konnte, bis wann welches Kapitel geschrieben, überarbeitet und abgeschlossen werden würde. Diese kleine verhängnisvolle Bleistiftskizze klebte an der Innentür jenes Schranks, hinter dem ich saß und schrieb – hatte schreiben wollen, genauer gesagt.«

»Das Vergangenheitsmaterial absorbierte mich, und bald war ich restlos erschöpft, erschöpft von nichts. Trotzdem zwang ich mich, plagte ich mich. Ich schrieb drei, vier Kapitel, aber alles blieb blass und klang gewollt.«

»Auch vom Roman hatte ich mich inzwischen endgültig verabschiedet, genauer gesagt, von der Gattung des Romans. Ich durfte jetzt zurückkehren in den Heimathafen der Gedichte.«

»Während ich weiterhin wie an fast jedem Tag in der Villa Torlonia, dem Park Benito Mussolinis, meine Runden lief, erwachte in mir die Lust auf den Text. Runde für Runde entdeckte ich, wie stark mir dieser Inselstoff entsprach, wie er mit entgegenkam, im Laufschritt gewissermaßen. Aber jetzt musste ich vorsichtig sein – keine Pläne, keine Dreistufenrakete, nur Notizen, Sätze, warten und lauschen, nur blinzeln und lauschen in den Quellgrund des Romans.«

Der Schriftsteller Lutz Seiler über die Entstehung seines Romans Kruso in DIE ZEIT vom 26. November 2015.

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30.11.2015