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Wie Yoga mit dem Stift

Bettina Fraschke schreibt über Ausmalbücher für Erwachsene, die beim Entspannen helfen:

Es sind Szenen wie aus dem Kinderzimmer: Millionen erwachsene Menschen spitzen ihre Buntstifte, schlagen die Malbücher auf und kolorieren vorgezeichnete Flächen mit Bildern von Dschungelpflanzen, Unterwasserwelten oder abstrakten Ornamenten.

Ausmalbücher für Erwachsene sind der große Trend im Buch- und Zeitschriftenmarkt. Die Regale der Händler sind voll. Auf der Amazon-Bestsellerliste sind von den ersten 100 Plätzen rund 20 mit Ausmalbüchern belegt. Das beliebteste Malbuch »Mein verzauberter Garten« von Johanna Basford verkaufte sich nach Recherchen des britischen »Guardian« über 1,4 Millionen Mal.

Der Durchbruch fürs Genre kam, als die Ausmalbücher als Entspannungsmethode verkauft wurden, sagt Ana McLaughlin vom britischen Verlag Michael O’Mara. Yoga mit dem Stift: Das war die Rechtfertigung für Interessierte. Der Boom begann.

Für den Kasseler Coach Andreas Knierim ist das überaus verständlich, wenn er auf seine Klientel blickt – Menschen, die im Berufsleben und der Tretmühle der Mehrfachbelastung voll eingespannt sind. »Sie können gar nicht mehr abschalten. Yoga oder eine Sitzmeditation sind für die kaum möglich, weil sie so unruhig sind.« Ausmalbücher gewährleisteten ein schnell sichtbares Ergebnis. Eins, das bleibt, anders als bei einem Handyspiel und als bei vielen Arbeitsprozessen.

Beim Ausmalen wird man wieder zum Handelnden. Das macht für Knierim die Beliebtheit des neuen Hobbys aus. »Wenn ich mich selbst steuere, verlangsame ich mein Leben. Schöpferisch zu sein, verortet mich an einem Platz.«

Der Mensch habe zwei Sehnsüchte: Orientierung und Entspannung. Das Ausmalen mit diesen dichten, kleinen Handbewegungen kann zur Erfüllung beider beitragen. Knierim sieht in der Tätigkeit also durchaus Berührungspunkte mit Meditation. Beim Malen des indischen Kreissymbols Mandala, einer uralten Tradition, die es bis in Ausmalbücher geschafft hat, »kann man mit dem Bewusstsein an etwas Größeres, Unbewusstes andocken«. So könne ein Ausmalbuch eine Vorstufe zur Meditation sein. Ein weiterer wichtiger Grund für den Erfolg, der auch zum derzeitigen Selbstmachtrend passt: Das Ausmalen ist ganz und gar analog.

Hessische Niedersächsische Allgemeine vom 20./21. Februar 2016 (SonntagsZeit)

 

20.02.2016